Jugendgangs lieferten sich in Biel und La Chaux-de-Fonds während Jahren einen tödlichen Bandenkrieg. Herrschen in der Westschweiz Verhältnisse wie in französischen Vororten?
In Kürze:
- Im Bieler Regionalgericht stehen mutmassliche Mitglieder der Jugendbande 47 vor Gericht.
- Ein 15-Jähriger wurde nach einer Schlägerei verletzt in einem Kofferraum entführt.
- Die Konfrontation zwischen den Banden 47 und 2CZ forderte bereits zwei Todesopfer.
Nicht einmal 24 Stunden nachdem es in Lausanne zu Ausschreitungen gekommen ist, die an Gewaltausbrüche in französischen Vorstädten erinnerten, startete in Biel der Prozess gegen mutmassliche Mitglieder der Jugendbande 47 aus La Chaux-de-Fonds. Auf den ersten Blick haben die zwei Ereignisse wenig miteinander zu tun.
Im Prozess vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland wirft die Berner Staatsanwaltschaft fünf Angeklagten unter anderem versuchte schwere Körperverletzung, Freiheitsberaubung sowie Entführung vor. Die Staatsanwaltschaft fordert Haftstrafen zwischen zwei und vier Jahren. Die Anwälte der Beschuldigten Das Urteil wird am Dienstag erwartet.
Auf den zweiten Blick zeigen sich durchaus Parallelen zwischen den Ereignissen in Lausanne, Biel und La Chaux-de-Fonds. Es geht um Entwicklungen, die in der Schweiz lange als unvorstellbar galten: Jugendliche aus wenig privilegierten Verhältnissen (viele mit Migrationshintergrund) entgleiten der Gesellschaft in eine Parallelwelt, in der eigene Regeln gelten – und sich Gewalt plötzlich und massiv entladen kann.
Im Gerichtssaal in Biel sitzen fünf Beschuldigte, unter ihnen eine Frau – alle zwischen 20 und 26 Jahre alt. Vier bewaffnete Polizisten sichern den Raum. Die Angeklagten in Biel sind mutmassliche Mitglieder der Gang 47, die sich eine Rivalität mit der Gang 2CZ aus Biel geliefert hat. In Rapvideos bedrohten sich die Gruppierungen gegenseitig. Die Ästhetik erinnerte stark an diejenige von Bandenvideos aus französischen Banlieues.
Doch es blieb nicht bei musikalischen Drohungen.
Zwei junge Männer starben
Die Konfrontation zwischen 47 und 2CZ forderte Tote: Im November 2020 war auf dem Weg zu einer Auseinandersetzung zwischen den beiden Gruppen in Sugiez FR ein 15-Jähriger von einem Zug erfasst worden und verstorben. Am 26. September 2021 starb ein junger Mann in Lausanne an den Folgen von Stichwunden vor den Türen eines über Nacht geschlossenen Polizeipostens, ein zweiter wurde schwer verletzt.
Die Tat, die noch bis Mittwoch in Biel verhandelt wird, passierte ein halbes Jahr zuvor. Am 11. April 2021 hatten Mitglieder der Gruppe aus Biel einen jungen Mann aus La Chaux-de-Fonds, entführt und gefangen gehalten.
Kurz darauf formierte sich in La Chaux-de-Fonds eine Gruppe von 10 bis 20 Personen, um den Entführten zu suchen. Zur Gruppe gehörten auch die fünf Angeklagten. Sie fuhren in einem weissen Audi A1 mit Neuenburger Kennzeichen nach Biel. Am Steuer sass eine damals 19-jährige Frau, die keinen Führerschein hatte.
Im Verlaufe der Nacht erhielten sie die Nachricht, dass ihr Kollege wieder frei ist. Sie setzen ihren Rachefeldzug aber fort.
Verletzt in den Kofferraum gesteckt
In Biel traf der Konvoi auf eine Gruppe Bieler Jugendlicher, deren Anzahl nicht bestimmt werden konnte, unter ihnen das spätere Opfer, das zum Zeitpunkt der Taten 15 Jahre alt war.
Die Fahrzeuge hielten an, und eine Schlägerei brach aus, an der mindestens 15 Personen beteiligt waren. Viele davon waren mit gefährlichen Gegenständen wie Stöcken, Stangen, Baseballschlägern, Macheten und Messern bewaffnet. Das Opfer wurde verprügelt, konnte sich befreien und wurde nach einer Verfolgung durch das nächtliche Biel zu Fall gebracht, worauf es verletzt in den Kofferraum des Audi gesteckt wurde.
Die Verdächtigen fuhren los Richtung Neuenburg. Während der Fahrt, die 5 bis 10 Minuten dauerte, schlug das Opfer gemäss Staatsanwaltschaft gegen die Wände des Kofferraums und sagte, es könne nicht mehr atmen.
In der Nähe des Bahnhofs von Tüscherz hielt die Fahrerin den Wagen an. Und der Verletzte wurde freigelassen.
Sie wollen sich an nichts mehr erinnern können
Sowohl Opfer wie Täter geben sich vor Gericht schmallippig und sagen aus, sich nicht mehr richtig an die Ereignisse erinnern zu können. Gerichtspräsidentin Marguerite Ndiaye fragt mehrfach: «Können Sie sich nicht mehr erinnern, oder haben Sie Angst, Aussagen zu machen?» Mehrere Angeklagte geben sich während des Prozesses reuig. Die Fahrerin sagt: «Ich wünschte, das wäre alles nie passiert.»
Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Banden 47 und 2CZ galt unter Experten als erstes Warnzeichen für eine bedrohliche Entwicklung insbesondere in der Westschweiz. Seither sind weitere Warnzeichen dazugekommen. Die Walliser Kantonspolizei hob in Siders vor kurzem ein Drogennetzwerk aus, das während 36 Monaten eine halbe Tonne Haschisch handelte – und nach dem Vorbild französischer Jugendbanden organisiert war. Viele Mitglieder der Bande waren minderjährig. Die Gewalt innerhalb der Gang war gross.
Herrschen in der Westschweiz also vermehrt französische Verhältnisse? Laut Yanis Callandret, Chef der Bundeskriminalpolizei, hat die Schweiz ein anderes soziales Gefüge, das die Entwicklung verlangsame. «Aber das verändert sich gerade», ergänzte er in einem Interview mit dieser Redaktion. Drogenhandel spielt beim Prozess in Biel keine Rolle. Und die Situation zwischen den beiden Banden soll sich in den letzten Jahren beruhigt haben.
Geblieben ist die Parallelwelt: Bei der Aufarbeitung dessen, was passiert ist, soll die Justiz keine Rolle spielen, auch nicht für das Opfer. Auf die Frage, ob er sich eine Bestrafung der Täter wünsche, sagte der mittlerweile 20-jährige Mann, der als Minderjähriger in einem Kofferraum um sein Leben fürchtete: «Nein. Was passiert ist, ist passiert».
Quelle: Tages-Anzeiger, 26.08.25
